Das Wochenbett ist wichtig, aber warum? - Mammacita

Das Wochenbett ist wichtig, aber warum?

Von Julia Ronnenberg | Allgemein

Wir Hebammen scheinen mit unseren Empfehlungen zum Wochenbett vielleicht etwas antiquiert zu sein, aber die Zeit nach der Geburt, die weltweit auf 42 Tage definiert ist, ist eine enorm wichtige Zeit. Schade, dass wir Frauen uns häufig die Zeit nicht gönnen, um in dieser neuen Phase des Lebens anzukommen und den Körper in Ruhe heilen zu lassen. Stattdessen empfangen wir Besucherberge, rennen zu IKEA und versuchen das Leben so weiterlaufen zu lassen, so als wenn nichts passiert wäre.

Es heißt WochenBETT

Eine alte Hebammenregel besagt: “Sieben Tage im Bett, sieben Tage auf dem Bett, sieben Tage ums Bett herum.” Ganz so ernst muss man es auch nicht nehmen, aber ein bisschen mehr Zeit dürfen wir uns schon nehmen.

Die sechs Wochen Wochenbett sind eine Zeit in der mental, aber auch körperlich sehr viel passiert. Diese Prozesse brauchen Zeit und Ruhe. Das Gras wächst eben nicht schneller indem man daran zieht. Nach dem Wochenbett haben sich die anfänglichen Probleme meist erledigt, oder man weiß besser damit umzugehen.

Viele Prozesse auf einmal

Wundheilung:

Viele Frauen haben nach der Geburt Hämorrhoiden, oder Dammverletzungen. Bei einer Dammverletzung ist fast immer auch der Beckenboden betroffen. Diese Verletzungen heilen meist innerhalb von zwei Wochen gut ab. Wenn man bereits früh läuft, kann sich die Wundheilung verzögern. Häufig höre ich von den Frauen, dass sich morgens die Dammnaht gut anfühlt, und am Ende des Tages geschwollen ist. Bettruhe gibt den Dammverletzungen die Möglichkeit abzuschwellen und abzuheilen.

Der Beckenboden ist die Muskulatur, die unsere Organe trägt, in der Schwangerschaft auch das ungeborene Kind. Nach der Geburt ist der Beckenboden geschwächt und kann manchmal seine Funktionen wie die Sicherung der Kontinenz nicht ausüben. Frauen berichten nach der Geburt von Druckgefühl, von dem Gefühl, dass sie sich offen fühlen würden, so als ob die Organe herausfallen würden. Wird der Beckenboden schon früh belastet, erhöht sich das Risiko für eine Beckenbodenschwäche, die sich mit Druckgefühl im Beckenboden, Inkontinenz, oder Organsenkung bemerkbar machen kann.

Die Plazenta hinterlässt eine große Wunde in der Gebärmutter. Aus dieser Wunde blutet es bis diese komplett verschlossen ist. Sie macht einen Teil des Wochenflusses aus, der in der Regel 4-6 Wochen anhält. Bei Frauen nach einem Kaiserschnitt ist der Wochenfluss meist verkürzt.

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Rückbildung

Die Gebärmutter, die die Größe eines Medizinballs hatte, zieht sich innerhalb von zwei Wochen in seine Ursprungsgröße zurück. Dabei helfen die Nachwehen, die man meist in den ersten Tagen, besonders beim Stillen wahrnimmt. Du kannst Dich hin und wieder auch mal auf den Bauch legen, das unterstützt die Rückbildung der Gebärmutter.

Nach der Geburt findet im Bauch eine wahre Völkerwanderung der Organe statt. Alles rutscht wieder an seinen vorgesehenen Platz zurück. Der Darm, der vorher eingeengt war, hat wieder sehr viel Platz. Das kann dir Darmperistaltik träge machen und zu Verstopfungen führen. Eine Wochenbettbauchmassage ist meist sehr wohltuend und regt die Verdauung an. Aber auch Hausmittel wie Sauerkrautsaft, Pflaumentrunk, oder Milchzucker können Abhilfe schaffen.

Die Bauchmuskulatur wurde in der Schwangerschaft stark überdehnt. Nach der Geburt ist der Bauch puddingweich, runzelig und kraftlos. Mit der Zeit bildet sich die Muskulatur und auch die überschüssige Haut zurück.

Im Wochenbett kann man bereits mit leichten Übungen beginnen, die einem die Hebamme zeigen kann. Frühestens 6-8 Wochen nach einer vaginalen Geburt und 8-10 Woche nach einem Kaiserschnitt sollte man mit gezielter Rückbildungsgymnastik beginnen, um die Bauchmuskulatur und den Beckenboden zu kräftigen.

Stillen

Ein paar Tage nach der Geburt beginnt die Brust vermehrt Milch zu produzieren. Meist am dritten Tag beginnt der sogenannte Milcheinschuss, die Brust wird stärker durchblutet und wird dadurch angeregt mehr Milch zu produzieren. Die Brust ist warm bis heiß, druckempfindlich und wirkt sehr prall. Nach ein paar Tagen normalisiert sich das Ganze wieder, bis sich nach ein paar Wochen die benötigte Milchmenge eingependelt hat. Zum Kühlen der Brust haben sich Quark-, oder Retterspitzwickel bewährt, aber auch Weißkohlblätter sind angenehm, oder ein ganz normales Coolpack.

Das Stillen will gelernt sein. Auch wenn Mutter und Kind grundsätzlich vielleicht wissen was zu tun ist, müssen sie erst üben wie es zusammen funktioniert. Auch wenn man bereits ein Kind gestillt hat, wird man feststellen, dass jedes Kind anders ist. Das Üben braucht braucht Geduld und ungestörte Zeit.

Auch wunde Brustwarzen können Frauen in den ersten Wochen zu schaffen machen. Das Gewebe der Brustwarze hat viele Nerven und muss sich an die dauerhafte Belastung gewöhnen. Wenn notwendig gibt es Brustwarzencremes, meist auf Wollfettbasis, Kompressen, Brustwarzenschoner, oder Stillhütchen.

gegenseitiges Kennenlernen

Das Baby ist ein neuer Mensch in Deinem Leben. Auch wenn Du es neun Monate unter Deinem Herzen getragen hast, braucht es Zeit um sich gegenseitig kennenzulernen. Ich vergleiche das gerne mit dem eigenen Partner. Die Eigenarten, Vorlieben und Macken hat man auch erst mit der Zeit kennengelernt. Genauso ist es auch mit dem Baby. In welcher Position mag das Baby am liebsten gestillt werden, welches sind die Zeichen, dass es satt ist, wann hat es Hunger, weint es wenn die Windel voll ist, wie beruhigt es sich am besten? Das alles und noch viel mehr gilt es herauszufinden.

Die Mutterliebe kann, muss aber nicht von einem auf den anderen Tag entfachen. Diese Erwartungshaltung an einen selber kann sehr enttäuschend sein. Gebt euch beiden einfach Zeit. Meist kommt das Gefühl, was wir Mutterliebe als Mutterliebe bezeichnen, mit der Zeit von ganz alleine.

Genauso kann es auch dem frischgebackenen Vater gehen. Im Gegensatz zur Frau, hat dieser die Schwangerschaft nur von außen erlebt und braucht auch seine Zeit, um Bindung zum Baby aufzubauen.

Familienbildung

Aus einem Paar werden Eltern, das ist in einer Paarbeziehung wohl die bisher größte Umstellung. Man hat einen kompletten, hilflosen kleinen Menschen in seiner Mitte. Und das nicht nur zu Besuch, sondern für 24 Stunden, die nächsten zwei Jahrzehnte. Das wirbelt das gesamte Leben durcheinander und die Rollen werden neu verteilt. So schön die Geburt eines Babys auch ist, die Umstellung vom Paar zur Familie ist eine Herausforderung.

Wenn Du bereits ein Kind hast, ist Dein Erstgeborenes nun ein großer Bruder, oder eine große Schwester. Man kann vorher schwer sagen, wie die Kinder die Umstellung meistern werden. Häufig wollen ältere Kinder wieder im Elternbett schlafen, Windeln tragen, einen Schnuller, oder eine Flasche haben, oder auch mal aus der Brust trinken. Das ist meist nur vorübergehend. Auch die Geschwisterkinder brauchen eine Weile um sich an die neue Situation zu gewöhnen.

Hormonelle Umstellung

Nach dem hormonellen Höhenflug in der Schwangerschaft stürzen die Hormone nach der Geburt in den Keller und verursachen ein hormonelles Chaos. Nach drei, vier Tagen, einhergehend mit dem Milcheinschuss, beginnt bei einem Großteil der Frauen der sogenannte Babyblues. Dieser geht mit Stimmungsschwankungen einher und kann bis zu zwei Wochen andauern. Ein falsches Wort und die Tränen fließen, das ist nicht untypisch für die Zeit und auch eine Herausforderung für den Partner. Der Babyblues vergeht von alleine und hat nichts mit einer Wochenbettdepression zu tun. Dauert er allerdings länger an, sollte man mit seiner Hebamme, oder dem Gynäkologen darüber sprechen.

das Wochenbett bewahren

Dies und noch viel mehr findet in den ersten Wochen bis Monaten nach der Geburt statt. Drum lasst uns auch für nachfolgende Generationen das Wochenbett bewahren. Denn wenn wir Frauen diese Zeit nicht als wertvoll betrachten und für uns selber einfordern, wird irgendwann vom Wochenbett nichts mehr übrig sein, dann wird es normal sein, dass wir kurz nach der Geburt am Herd stehen, die Kinder in die Kita bringen, oder die Wocheneinkäufe machen.

Zur Vorbereitung empfehle ich gerne die Infobroschüren von der Bundeszentrale gesundheitliche Aufklärung BZGA, die man sich kostenfrei zusenden lassen kann :

https://www.bzga.de/infomaterialien/kinder-und-jugendgesundheit/das-baby/

https://www.bzga.de/infomaterialien/familienplanung/familienplanung/eltern-sein-die-erste-zeit-zu-dritt/

https://www.bzga.de/infomaterialien/familienplanung/familienplanung/rundum-schwangerschaft-und-geburt/

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Über diesen Autor

Ich bin Julia, seit 15 Jahren arbeite ich als freiberufliche Hebamme und teile hier mein Wissen rund um Schwangerschaft und Geburt.

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