Wehen veratmen – mit den richtigen Atemtechniken durch die Geburt

Wehen veratmen

Die Monate der Schwangerschaft scheinen rückblickend wie im Flug vergangen zu sein. Der errechnete Termin rückt näher und damit rückt auch das Thema Geburt mehr in den Fokus. Natürlich besteht der Wunsch, nach einer möglichst schmerzfreien und schnellen Geburt, doch darauf haben wir kaum Einfluss. Eine Geburt ist eine Wundertüte und eins der wenigen Dinge, die wir nicht planen können. Wir können uns aber vorbereiten, mental wie auch körperlich. Was ich Frauen zu diesem Thema immer wieder ans Herz lege, ist ein Geburtsvorbereitungskurs. Er ist weit mehr als nur eine theoretische Übung für den großen Tag. Es wird sehr viel Wissen über den natürlichen Ablauf der Geburt vermittelt und mit welchen verschiedenen Atemtechniken es gelingt, die Wehen zu veratmen und dem Schmerz entgegenzusteuern.

Atmen ist kein Hexenwerk

Lass Dich nicht von anderen verunsichern, die diese Kurse gern als „Hechelkurse“ belächeln und müde abwinken. Es liegt ganz bei Dir allein, denn Du lernst im Geburtsvorbereitungskurs unter anderem auch, wie die Geburt abläuft, die einzelnen Phasen der Geburt und was sie bedeuten. Du lernst wichtige Dinge über Wehen und wie Dein Partner Dir wirklich hilfreich zur Seite stehen kann. Außerdem erfährst Du, welche Geburtspositionen es gibt.

Im Übrigen sind die Atemtechniken für die Geburt kein Hexenwerk, denn unser Atem ist uns bestens vertrat. Immerhin atmen wir im Durchschnitt 12 mal in der Minute ein und aus. Also keine Sorge, dass es mit der Atemtechnik bei der Geburt kompliziert werden könnte.

schwangere Frau veratmet Wehen mit Atemtechnik für Geburt

Warum eine richtige Atemtechnik so wichtig ist

Die Atmung versorgt unseren Körper mit Sauerstoff. Wie wichtig das ist, steht ganz außer Frage. Um es Dir dennoch zu verdeutlichen, vergleiche ich es gern mit sportlicher Aktivität. Hier ist richtiges Atmen ebenfalls ganz wichtig. Warum? Weil durch die richtige Atemtechnik genügend Sauerstoff zu den Muskeln gelangt und Deine Gebärmutter ist im Grunde genommen nichts anderes als ein großer Muskel. Wird diese aufgrund richtiger Atmung ausreichend mit Sauerstoff versorgt und gut durchblutet, dann ist die Eröffnung des Muttermundes deutlich schmerzärmer.

Bist Du allerdings ängstlich und angespannt, verändert sich die Atmung automatisch. Du atmest extrem flach und so kann nicht genug Sauerstoff zur Gebärmutter gelangen. Zudem wird das Stresszentrum (Sympatikus) im Gehirn angesprochen und es wird vermehrt Adrenalin ausgeschüttet. Es setzt ein Schutzmechanismus des Körpers ein und nur noch lebenswichtige Organe werden nun ausreichend versorgt. Deine Gebärmutter zählt leider nicht dazu.

Eine schlechte Durchblutung der Gebärmutter führt bei der Geburt leider dazu, dass die zirkulären Muskelfasern am Muttermund sehr fest bleiben und sich dieser schlechter öffnet. Dadurch wird die Geburt deutlich schmerzhafter. Schaffst Du es nicht in der Wehenpause Dich zu entspannen und wieder neue Kraft zu schöpfen, bleibt Dein Körper verspannt, es ensteht ein Kreislauf, den wir Angst-Spannungs-Schmerz-Kreislauf nennen. Es ist für Dich, Dein Baby und den Geburtsfortschritt wichtig, nicht in diesen Kreilauf zu rutschen.

Wenngleich ich sehr gut verstehen kann, dass vor allem die erste Geburt viele Frauen verunsichert. Aus diesem Grund ist der Geburtsvorbereitungskurs so wichtig. Denn er nimmt Dir in jedem Fall das ungute Gefühl des Unbekannten. Je mehr Du über den natürlichen Ablauf einer Geburt weist, desto besser kannst Du Dich darauf einlassen.

Eine tiefe Bauchatmung kann Dir dabei helfen. Dadurch wird im Gehirn der Entspannungsnerv (Parasympaticus) angeregt. Die Gebärmutter wird nun deutlich besser durchblutet, die Geburt ist schmerzärmer. Du kannst zusätzlich durch die richtige Atmung Deinen Gemütszustand positiv beeinflussen. Das bewirkt die Ausschüttung von Endorphinen, unserem körpereigenen Schmerzmittel. Sie senken die Schmerzen und lassen uns in einen tranceähnlichen Zustand kommen.

Durch die Entspannung, die entsteht, lockert sich die Muskulatur am Becken und Beckenboden, was es dem Baby leichter macht, in das Becken einzutreten und später den Beckenboden zu passieren. Die richtige Wehenatmung sorgt außerdem dafür, dass Dein Baby besser mit Sauerstoff versorgt wird. Bei jeder Wehe wird Dein Baby von allen Seiten der Gebärmutter gedrückt, was die Versorgung mit Sauerstoff verschlechtert. Dank tiefer Atmung, kannst Du Dein Baby besser versorgen. Vielleicht hilft Dir dieser Gedanke auch bei der Geburt. Du atmest nicht nur für Dich, sondern auch für Dein Baby.

Darum ist richtiges Atmen zur Geburt wichtig:

  • bessere Durchblutung der Gebärmutter
  • mehr Sauerstoff für die Gebärmutter
  • der Muttermund öffnet sich leichter
  • Entspannung lockert die Becken- und die Beckenbodenmuskulatur
  • durch die tiefe Atemtechnik wird das Baby besser mit Sauerstoff versorgt
  • Endorphine werden ausgeschüttet

Hinweis: Schmerzarm bedeutet natürlich nicht schmerzfrei. Erfahrungen haben jedoch gezeigt, dass Frauen, die die Wehen gut veratmen können, deutlich entspannter ihr Kind zur Welt bringen, als Frauen, die zu flach atmen oder gar die Luft anhalten.

Die Eröffnungsphase

Die frühe Eröffnungsphase erfordert noch keine intensiven Atemtechniken. Zu Beginn sind die Wehen noch nicht so stark und treten in recht großen Abständen auf. Erst mit fortschreitender Geburt werden diese deutlich intensiver. Irgendwann wirst Du intuitiv beginnen inne zu halten, Dich zu konzentrieren und die Wehe zu veratmen.

Auch wenn die Atemtechniken während der Geburt nich kompliziert sind, solltest Du diese am besten in der Schwangerschaft ein wenig üben. Dazu reichen täglich 5- 10 Minuten. In einer Stresssituation ist es für den Kopf leichter bereits geübte Abläufe abzurufen, als wenn diese nur in der Theorie verstanden wurden. Learning by Doing! Nutze einfach diese sogenannte “Me-Time”, um mit Deinem Baby über die Atmung und die Gedanken in Kontakt zu treten.

Tiefe Bauchatmung mit längerer Ausatmung

Die meiner Meinung nach wichtigste Technik zum Veratmen der Wehen ist die tiefe Bauchatmung bei der Du ein wenig länger ausatmest als einatmest.

  • Lege Deine Hände auf den Bauch
  • Atme durch die Nase tief ein und durch den Mund wieder aus
  • Atme raumgreifend, schicke die Luft in den Bauch zu Deinem Baby
  • Versuche länger auszuatmen, als einzuatmen:
  • Zähle bis 4, 5 oder 6 beim Einatmen, schicke die Luft in Deinen Bauch
  • Zähle bis 6, 7 oder 8 beim Ausatmen

Das lange Ausatmen entspannt und wie Du schon gelesen hast, werden dadurch Endorphine freigesetzt. Klingt jetzt in der Theorie ziemlich einfach, ist es beim Üben auch. Bei der Geburt wird das schon schwieriger. Nur wer es vorab immer wieder übt, kann diesen Prozess später bei der Geburt leicht abrufen, ohne sich groß darauf konzentrieren zu müssen. Es werden am Tag der Geburt unzählige Eindrücke auf Dich einprasseln, da wirst Du mehr als dankbar sein, wenn die Atemtechnik wie aus dem FF funktioniert.

Vielen Frauen hilft es bei der Geburt bewusst zu zählen, beim Einatmen und Ausatmen und so etwas zu haben worauf sie sich fokussieren können. Dein Partner kann Dich dabei auf jeden Fall unterstützen.

Von summenden und lauten Tönen

Im Geburtsvorbereitungskurs fühlen sich viele ein wenig unbehaglich, wenn das sogenannte Tönen eingeläutet wird. Es mag ein wenig befremdlich wirken, wenn erwachsene Menschen derartige Geräusch von sich geben, dennoch ist es für Dich bei der Geburt enorm wichtig.

Wie es funktioniert:

  • Du atmest tief in Deinen Bauch hinein
  • Beim Ausatmen legst Du die Lippen aufeinander und summst
  • Oder: atmest auf A oder O lang und hörbar aus

Mach Dir keine Gedanken darüber, was andere denken könnten. Das darf Dir herzlich egal sein. Denn Du tust nicht nur Dir selbst damit etwas Gutes, sondern vor allem Deinem Kind, wenn Du es aktiv unterstützt auf seinem Weg in das Abenteuer Leben.

Durch das Summen oder verschiedene Laute, wie beispielsweise Ah, Ja oder auch Oh beim Ausatmen, entsteht eine gewisse Vibration, die sich bis in den Beckenboden ausbreitet. Wie das funktioniert? Dein Kehlkopf ist mit dem Beckenboden verbunden! A und O sind öffnende Vokale, ergo der Beckenboden öffnet sich. Aber I oder E wirken schließend. Achte auf einen lockeren Kiefer. Besonders nach einer Wehe kann es helfen den Kiefer bewusst zu lockern. Seufze ruhig einmal tief, das hilft zu entspannen!

Wenn Du das Tönen in der Schwangerschaft üben solltest, probiere ruhig verschiedenen Geburtspositionen aus. Ob im Stehen, Liegen oder Vierfüßler. Beobachte dabei, wie Dein Beckenboden jeweils reagiert und wie Du ihn am besten entspannen kannst. Vor der Geburt kann es sich allerdings anders anfühlen als während der Geburt. Welche Position sich dann bei der Geburt für Dich gut anfühl, wirst Du in der Situation spontan entscheiden.

Frau im Vierfüßlerstand bei Geburt

Kerzen auspusten in der Übergangsphase

Diese Phase tritt ein, kurz bevor der Muttermund geöffnet ist. Eine etwas schwierige Phase. Viele Frauen sind mutlos, kraftlos und möchten nicht mehr. Außerdem haben einige Frauen bereits jetzt den Wunsch zu pressen. Solange der Muttermund noch nicht komplett geöffnet ist, musst Du Dich noch ein wenig gedulden. Die Wehenspitzen sind jetzt extrem hoch und bei einigen tritt Panik auf.

Dennoch darfst Du jetzt noch nicht pressen oder schieben. Die Hebamme wird Dir das Go geben, wenn es soweit ist. Vertrau ihr!

Um den Druck ein wenig vom Muttermund zu nehmen, kannst Du in den Vierfüßlerstand gehen. Außerdem hilft Dir die sogenannte Kerzenatmung gegen den frühen Pressdrang. Dabei spitzt Du Deine Lippen, als ob Du mehrere Kerzen mit einmal auspusten möchtest und dann stoßweise ausatmen. Einigen hilft es, dabei Ha ha haaa zu sagen. DasDiese Form der Atmung muss Du nicht vorher üben, es reicht, wenn Du davon gehört beziehungsweise gelesen hast.

Vorsicht! Zu schnelles Ausatmen kann zu Hyperventilieren führen. Das hat Panik, Schwindel und sogar drohende Ohnmacht zur Folge. Pass also gut auf, dass es nicht so weit kommt.

Powerpressen oder nach Gefühl schieben

Du bist auf der Zielgeraden! Mit der letzten Phase bist Du noch einmal richtig stark gefordert, denn jetzt kannst Du ganz aktiv Deinem Kind auf die Welt helfen.

Wichtig: Zwischen den Wehen so viel Kraft wie möglich schöpfen!

Es entsteht nun automatisch ein Pressdrang, da der Kopf des Babys tiefer getreten ist. Das Baby wird bei jeder Wehe durch das Becken gedreht, bis es beginnt Scheide und Beckenboden zu dehnen. Gegen diese enorme Spannung anzudrücken, kostet sehr viel Mut.

Oft werden die Frauen von der Hebamme zum Pressen angeleitet. Das sogenannte Powerpressen erzeugt dann allerdings eine Stimmung wie bei einem Fußballfinale. Beim Powerpressen heißt es dann:
Einatmen, Luft schlucken, nach unten pressen, Luft holen und das Ganze wiederholt sich dann bis zu drei mal während einer Wehe.

Es geht aber auch anders. Schieben Frauen ihr Baby nach ihrem Gefühl nach unten, spart dies unglaublich viel Kraft und es ist zudem wesentlich sanfter.

Zwar dauert es meist etwas länger, frei nach dem Motto zwei Schritte vor und einer wieder zurück. Dafür kann sich das Gewebe von Scheide und Beckenboden langsam dehnen, was mögliche Geburtsverletzungen verringert. Und auch für das Baby wesentlich stressfreier ist.

Es gibt auch Frauen, die ihr Kind regelrecht rausatmen. Sie atmen mit einem langen Ah aus und schieben dann mit den Bauchmuskeln sanft nach.

Einen wichtigen Anteil in dieser Geburtsphase ist die Position. Frauen die im Liegen gebären machen es sich und dem Kind schwerer, da das Baby im Liegen nach oben gegen die Schwerkraft geboren werden muss. Das kostet der Mutter enorm viel Kraft. Besser ist eine aufrechte oder hockende Haltung, bei der die Schwerkraft mithilft und die Richtung zeigt.

Pressphase bei geburt, Frau presst

Trockenübung zum Mitschieben

Du kannst auf der Toilette üben, wie es sich anfühlt mitzuschieben. Denn jeder Stuhlgang ist in der Tat vergleichbar mit einer kleinen Mini-Geburt. Denn auch hier muss sich der Beckenboden langsam öffnen. Die Bauchmuskeln drücken nach unten, das nennt sich Bauchpresse. Du atmest dabei konzentriert nach unten und aktivierst Deine Bauchmuskeln. Das ist nicht nur bei der Geburt schonender für den Beckenboden, sondern in der Tat auch bei jedem Stuhlgang. Durch zu starkes Pressen können feine Risse entstehen oder die Hämorrhoiden vergrößern sich. Sogar eine Organsenkung könnte eintreten, wenn dauerhaft beim Toilettengang zu stark gepresst wird.

Leichter ist es, wenn die Füße auf einem kleinen Hocker stehen. Das ähnelt dann in der Tat der hockenden Geburtsposition.

Der Glaube kann Berge versetzen

Der Glaube kann Berge versetzen. Diese sehr alte Weisheit sagt genau das aus, wozu der Mensch im Stande ist. Nämlich allein unsere Gedanken vermögen es einen sehr großen Einfluss auf das zu haben, was wir tun. Wer negativ denkt, erfährt meist Negatives. Darum ist es enorm wichtig, dass Du bei der Geburt von positiven Gedanken gelenkt wirst. Lenkst Du Deine Gedanken nur auf den Schmerz, dann wirst Du mit großer Wahrscheinlichkeit mehr Schmerzen empfinden, als wenn Deine Gedanken positiv gesteuert sind.

So kannst Du das während Deiner Schwangerschaft üben:

Stelle Dir bildlich einen Ort oder Platz vor, an dem Du dich geboren und wohl fühlst. Ich sage dazu „mein persönlicher Happy Place“. Das kann eine blühende Wiese mit einem großen, alten Baum und einer Schaukel sein. Ein Sandstrand mit einer Hängematte unter Palmen oder ein Berggipfel. Lass Deiner Fantasie freien Lauf. In der Fachsprache spricht  man von Affirmationen.

Ergänzend kannst Du Dir Musik dazu anhören, die Dich beruhigt, freudig und positiv stimmt. Idealerweise erstellst Du Dir eine Playlist zusammen, die dann während der Geburt abgespielt wird. Selbst ein bestimmter Duft hilft dabei, die Gedanken positiv zu beeinflussen.

Motiviere Dich mit Gedanken, wie:

  • „Ich schaffe das!“
  • „Mein Muttermund öffnet sich langsam wie eine Blume.“
  • „Jede Wehe bringt mich meinem Baby näher.“

Wenn Du Deine Atemübungen machst, verbinde es mit Musik, einem Duft und den Affirmationen. Je öfter Du das durchführst, um so mehr speichert Dein Kopf diese Abläufe ab. Bei der Geburt wirst Du Dich unbewusst erinnern können und das hilft unglaublich gut, gelassen und mit der nötigen Stärke Dein Kind auf die Welt zu bringen.

positive Affirmationen Geburt

Fazit

Die Geburt ist eine unbeschreibliche Erfahrung, die jede Frau für sich auf ihre ganz eigene Art und Weise durchlebt. Mit der richtigen Vorbereitung kannst Du Dir nicht nur die Ängste nehmen, sondern Dich bereits in den Monaten vor dem Termin bewusst auf den großen Tag vorbereiten. Die richtige Atemtechnik, eine positive Einstellung und mit einem zuversichtlichen Gefühl, wirst Du das auf jeden Fall schaffen.

Hebamme Julia Ronnenberg am Laptop

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