Was hilft bei Blasenschwäche nach der Geburt? - Mammacita

Was hilft bei Blasenschwäche nach der Geburt?

Von Julia Ronnenberg | Beckenboden

Eine Blasenschwäche, oder auch Harninkontinenz ist unfreiwilliges Wasserlassen. Eine unangenehme und doch recht häufige Beschwerde. In Deutschland leiden ca 10.000.000 Menschen an einer Inkontinenz. Das betrifft nicht nur ältere Frauen in der Menopause, sondern häufig auch junge Frauen. Ein Grund ist die starke Belastung des gesamten Gewebes während Schwangerschaft und Geburt, die besonders den Beckenboden betrifft. Für die Betroffenen bedeutet das oft starke Einschränkungen im täglichen Leben. Aber wie entsteht eine Inkontinenz und was hilft effektiv um dieser entgegenzuwirken?

Wie entsteht eine Blasenschwäche?

Es gibt verschiedene Arten von Inkontinenz. Manchmal können sogar Darmgase und Stuhl nicht mehr vollständig kontrolliert werden. In den meisten Fällen beschränken sich die Symptome jedoch auf eine schwache Blase. Beim Husten, Lachen, Niesen oder beim Heben schwerer Gegenstände kann dabei der ein oder andere Tropfen in die Hose gehen. Das passiert besonders dann, wenn Deine Blase bereits gut gefüllt ist. Normalerweise sorgen Deine Schließmuskeln um die Harnröhre herum, dass nichts passiert. Sie sind fest genug und können auch höherem Druck standhalten, während sie sich erst beim Entlassen des Harns entspannen.

Für eine Inkontinenz gibt es unterschiedliche Auslöser, die die Beckenbodenmuskulatur, die Blasenmuskulatur selber, die Beschaffenheit der Harnröhre oder auch das verantwortliche Nervensystem betreffen. Treten die Symptome während oder nach einer Schwangerschaft auf, wird meist von einer Belastungsinkontinenz, früher Stressinkontinenz, gesprochen. Hier kommt es zu einer nicht gewollten Entleerung der Blase, wenn sich der Druck im Bauchraum erhöht. Das ist meist beim Husten, Niesen, Lachen und Heben der Fall.

Der Beckenboden in der Schwangerschaft

Ein erfüllter Kinderwunsch ist der größte Segen für werdende Eltern, auch wenn die Schwangerschaft und die Geburt den Körper an seine Belastungsgrenze bringen. Neben dem Baby sollte der weibliche Körper ebenso hohe Aufmerksamkeit verdienen, denn Schwangerschaft und  Geburt gehen selten spurlos am Körper eine Frau vorbei.

Der Beckenboden und auch andere Körpergewebe werden in der Schwangerschaft aufgelockert, um dem wachsenden Kind und allen inneren Organen ausreichend Platz zu schaffen. Gleichzeitig muss der Beckenboden im Laufe der Schwangerschaft immer mehr an Gewicht tragen, welches Druck auf den Beckenboden, aber auch auf die Blase ausübt. Die Belastung wird im Laufe der Schwangerschaft immer größer. Das Gewicht, welches der Beckenboden tragen muss,  kann am Ende der Schwangerschaft bis zu sechs Kilo mehr sein.

Durch die gelockerte und weichere Muskulatur und die Druckbelastung kann es schon während der Schwangerschaft zu einem unkontrollierten Verlust von Urin kommen, besonders bei plötzlich aufkommendem Druck. Die Geburt setzt dem ohnehin schon belastetem Beckenboden die Krone auf, denn er muss sich bei der Geburt des Babies maximal dehnen und wird in viele Fällen zusätzlich durch einen Dammriss, oder Dammschnitt verletzt.

Nach der Geburt hängt der Beckenboden quasi durch wie eine Hängematte, was den Verschlussmechanismus der Blase beeinträchtigt. Ein schnelles Anspannen der Muskulatur, zum Beispiel beim plötzlichen Husten, ist nicht mehr zu 100 Prozent gewährleistet – so kann es passieren, dass ungewollt ein Teil des Harns in die Hose geht.

Die Wahrscheinlichkeit einer Belastungsinkontinenz nach der Geburt steigt, wenn Du bereits während der Schwangerschaft eine Blasenschwäche hattest. Weitere Faktoren betreffen die Dauer, die Dein Kind für die Passage bei der Geburt gebraucht hat, die Größe Deines Kindes oder andere Komplikationen wie ein Dammschnitt oder der Gebrauch der Geburtszange oder Saugglocke. Natürlich spielt auch die Anzahl der Geburten eine Rolle. Die Wahrscheinlichkeit eine Inkontinenz zu erwerben wird mit jeder Geburt größer. Das Gewebe wird erneut belastet und eine Rückbildung der Muskulatur wird mit jeder Schwangerschaft und abhängig vom Alter der Mutter schwieriger. Nicht zuletzt gibt es auch eine Veranlagung zu einer schwächeren Beckenbodenmuskulatur: Frauen mit einem schwachen Bindegewebe sind von Natur aus eher betroffen, als andere.

Rückbildungsgymnastik gegen schwachen Beckenboden

Nach einer Geburt leidet nicht jede Frau unter Blasenschwäche, es betrifft dennoch eine recht große Anzahl. Dabei berichten mindestens 30 Prozent der Mütter von Inkontinenz innerhalb des ersten Jahres nach der Geburt. Auch das Stillen kann einen Einfluss haben, da durch die Stillhormone der Beckenboden aufgelockert wird. Daher können die Symptome nach dem Abstillen spontan  abklingen. Bei einigen Frauen bleiben allerdings die Symptome auch viele Jahre später noch erhalten, oftmals auch deshalb, weil ihnen die Situation peinlich ist und sie sich niemandem anvertrauen.

Regeneriert sich Deine Beckenbodenmuskulatur in einem erwartungsgemäßen Tempo, sollten die Symptome der Blasenschwäche nach ungefähr acht Wochen nach der Geburt allmählich verschwunden sein. Wenn nicht, solltest Du nicht zögern und dir Hilfe bei deiner Hebamme, deinem Gynäkologen, oder einer Physiotherapeutin holen.

Denn in vielen Fällen können Probleme durch gezieltes Training und schonende Verhaltensweisen  gelindert werden. Das ist wesentlich besser, als auf Einlagen angewiesen zu sein, nicht mehr herzhaft lachen zu wollen und/oder auf viele Aktivitäten wie Sport verzichten zu müssen.

Wenn Gymnastik allein nicht hilft

Wie Du Deine Muskulatur bereits während der Schwangerschaft schonst, erfährst Du in meinem Artikel über den Beckenboden.

Empfehlenswert ist außerdem den Beckenboden schon vor oder während der Schwangerschaft zu kräftigen – umso weniger Komplikationen entstehen im Nachhinein. Auf jeden Fall sollte jede Frau nach der Geburt den Beckenboden gezielt kräftigen, auch wenn sie aktuell keine Probleme hat. Gut ist wenn Du unter Anleitung in einem Rückbildungskurs mit Beckenbodengymnastik zu beginnst, wo Du einerseits lernst wie Du Deinen Beckenboden im Alltag entlasten kannst und Du lernst verschiedenen  Rückbildungsübungen kennen, die deinen gesamten Körper und deinen Beckenboden kräftigen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für einen 10stündigen Rückbildungskurs. Die Übungen sollten allerdings mindestens 3 Monate nach der Geburt durchgeführt werden, damit der Effekt nicht gleicht wieder verpufft.

Sollte das Training doch nicht die gewünschten Resultate bringen, kann Dein Gynäkologe Dir spezielle Krankengymnastik für den Beckenboden verschreiben. Die Sitzungen sind 1 zu 1 und es kann individueller auf Deine Bedürfnisse eingegangen werden als in einem Kurs. Oftmals wird Dir besonders zu Beginn einer Physiotherapie mittels Ultraschall dabei geholfen, Dir Deinen Beckenboden besser vorstellen zu können. Auf dem Ultraschallbild kannst Du auch sehen, ob Du es schaffst, die entsprechenden Muskeln gezielt anzuspannen, oder nicht.

Einige Frauen haben beispielsweise Schwierigkeiten damit, ihren Beckenboden zu spüren, sodass ein gezieltes Training erstmal nicht viel Erfolge bringen kann. In solchen Fällen kann die Muskulatur durch elektrische Impulse trainiert werden. Diese passive Art des Trainings erfolgt schmerzlos und wird Elektrotherapie genannt.

Das Biofeedback-Training beinhaltet eine Sonde, die während des Beckenbodentrainings in die Scheide eingeführt wird. Mittels eines Monitors oder eines akustischen Signals kannst Du erkennen, ob Du Deine Muskeln an und entspannen kannst. Solche Geräte gibt es auch für zuhause.

Zur weiteren Unterstützung, oder auch, wenn das Muskeltraining weitgehend erfolglos bleibt, kann ein Protokoll des Trinkverhaltens und des Harndranges helfen. Dabei dokumentierst Du ganz genau, wann Du wie viel trinkst, wann Du Harndrang verspürst, zur Toilette gehst oder auch, wenn Harn unkontrolliert abgegangen ist. Auf dieser ausführlichen Grundlage kann anschließend ein Plan erstellt werden, wann genau Du trinken und zur Toilette gehen sollst, unabhängig vom Harndrang. Auf diese Weise kann eine Blasenschwäche zwar nicht therapiert werden, dem unkontrollierten Wasserlassen kann jedoch wirksam vorgebeugt werden.

Wenn all dies nichts nützt, kann der Arzt (Urologe) als letzten Ausweg ein Medikament oder sogar eine Operation vorschlagen. Während das Medikament dafür sorgen soll, dass sich der Schließmuskel um die Harnröhre herum zusammenzieht, wird bei der Operation ein unterstützendes kleines Band aus Kunststoff um die Harnröhre gelegt, um unkontrolliertes Wasserlassen zu unterbinden.

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Über diesen Autor

Ich bin Julia, seit 15 Jahren arbeite ich als freiberufliche Hebamme und teile hier mein Wissen rund um Schwangerschaft und Geburt.

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