Das verkürzte Zungenbändchen – häufige Fragen

verkürztes Zungenbändchen Blogbeitrag

Gastartikel von Natalie Clauss

Ich heiße Natalie Clauss und bin gelernte Ergotherapeutin und lebe mit meiner Familie im niedersächsischen Oldenburg. Aktuell arbeite ich im Bereich der Familienbegleitung, wo ich Unterstützung zu verschiedenen Themen wie Stillen, Tragen und Beikost anbiete. Beim Stillen habe ich mich auf das Thema der oralen Restriktionen, der Einschränkungen im Mundbereich, spezialisiert, zu denen auch ein verkürztes Zungenbändchen gehört.

Neben der Familienbegleitung biete ich Coachings für Frauen und (werdende) Mamas an, schreibe an meinem eigenen Blog und habe verschiedene Onlinekurse.

Zungenbändchen – ein schwieriges Thema auch für Fachleute

Wenn ich anfange vom Thema Zungenbändchen zu sprechen oder zu schreiben, sind die Reaktionen sehr unterschiedlich. Manche rollen mit den Augen, andere sind sehr interessiert – vereinfacht dargestellt. Das spiegelt nicht nur die Erfahrungen mit Eltern wieder, sondern auch die Meinungen von Ärztinnen und Therapeuten, um nur zwei mögliche Berufsgruppen zu nennen, die damit in Berührung kommen können.

Die Meinungen rund um das Zungenbändchen, einer möglichen Trennung von diesem und dem Vorgehen dabei, gehen sehr weit auseinander. Das hat viele Hintergründe. Zum einen steckt dahinter, dass es wenige Studien in diesem Bereich gibt und zum anderen, dass sich das Wissen hier wirklich schnell ändert. Was wir heute wissen, ist deutlich mehr als noch vor drei Jahren. Das macht es für alle Beteiligten natürlich nicht gerade einfach.

Dies erschwert dem Fachpersonal, auf dem aktuellen Stand zu bleiben, es müssen immer wieder aktuelle Fortbildungen besucht und Studienergebnisse gelesen werden. Für Eltern ist es schwierig, eine wirklich ausreichend fortgebildete Fachperson zu finden, um die vorhandenen Fragen zu klären um die gesamte Situation zu beleuchten.

Als Ergotherapeutin und Stillberaterin mit mehreren Fortbildungen im Bereich der oralen Restriktionen, so nennen sich alle Einschränkungen im Mundbereich, begleite ich Eltern auf ihrem individuellen Weg, denn den einen richtigen und perfekten Weg, den gibt es leider nicht.

In diesem Artikel möchte ich auf einige Fragen eingehen, die mir Eltern immer wieder stellen.

Kinderarzt untersucht Zungenband eines Babys

Was ist das Zungenbändchen ?

Das Zungenbändchen ist mittig unter der Zunge angesetzt. Es stabilisiert die Zunge und erfüllt in der Frühschwangerschaft die Funktion, die Zunge an ihrem Platz im Mund zu halten. Auch für das Stillen ist ein bewegliches Zungenbändchen unerlässlich. Später sollte sich das Zungenbändchen zunehmend zurückbilden, um schließlich eine koordinierte Zungenbewegung zu ermöglichen.

Heute weiß man, dass das Zungenbändchen nicht bei allen Menschen gleich aufgebaut ist. Es kann verschiedene Anteile haben. Das macht die Beurteilung von Einschränkungen nicht gerade einfach und eine allgemeine Behandlungsform passt oft nicht zur individuellen Situation jeder einzelnen Familie.

Welche Symptome gibt es bei gestillten Babys mit verkürztem Zungenband?

Ein stark verkürztes Zungenbändchen kann man oft daran erkennen, dass die Zungenspitze vorne eine Kerbe hat oder herzförmig eingezogen ist. Am besten lässt es das erkennen, wenn das Baby weint. Bei gestillten Babys gibt es eine Reihe an Symptomen, die auf ein verkürztes Zungenbändchen hindeuten können. All diese Symptome können auftreten, müssen aber nicht. Es können einzelne Anzeichen auftreten oder eine Vielzahl der genannten. Die Liste ist zudem nicht vollständig, das würde den Rahmen hier sprengen. Hinter jedem Symptom muss auch nicht zwangsläufig ein kurzes Zungenbändchen stecken. Es gibt einige weitere Ursachen, die abgeklärt werden sollten.

Mögliche Symptome bei dir als Mama:

  • Schmerzen beim Stillen
  • wunde Brustwarzen
  • häufige Milchstaus oder auch Brustentzündungen
  • mangelnde oder überschießende Milchbildung
  • verformte oder weiß verfärbte Brustwarzen nach dem Stillen

Mögliche Symptome bei deinem Baby:

  • mangelnde oder sehr starke Gewichtszunahme
  • ständige Unruhe
  • nicht ausreichende Mundöffnung beim Saugen
  • Lippenbläschen oder zweifarbige Lippen
  • offener Mund beim Schlafen
  • Grübchen beim Stillen, „Kauen“ beim Stillen
  • ständiges Stillen ohne Zufriedenheit danach oder häufiges Einschlafen beim Stillen
  • Schnalzen oder Klicken beim Stillen
  • Milch läuft aus dem Mundwinkel
  • Milchbelag auf der Zunge, auch länger nach der Stillmahlzeit noch sichtbar
  • Erschöpfung, Schwitzen oder Zittern beim Stillen
  • starke Koliken oder Blähungen
  • viel Reflux

Du siehst, es gibt eine ganze Palette an möglichen Symptomen, die sich aufgrund eines verkürzten Zungenbändchens zeigen können. Diese können ebenso bei formulaernährten Säuglingen auftauchen. Vielleicht waren sie auch der Grund für ein Zufüttern oder Abstillen.

Mutter pumpt Muttermilch und stillt Säugling

Doch Probleme treten nicht nur in den ersten Lebensmonaten auf, sondern können ein Leben lang begleiten. Kleinkinder, Jugendliche und Erwachsene können ebenso Symptome haben, die eine Behandlung im späteren Alter notwendig machen.

An dieser Stelle möchte ich kurz erklären, warum ich den geläufigen Begriff Zungenbändchen nicht gerne verwende, sondern lieber vom Zungenband spreche; in der Literatur sind beide Begriffe zu finden. Ich finde, Zungenbändchen klingt oft sehr niedlich, doch der Leidensdruck, den Eltern und Babys haben, wenn hier Einschränkungen vorhanden sind, ist alles andere als niedlich. Oft stecken wirklich viele Tränen, Hilflosigkeit und Verzweiflung hinter den Geschichten.

Zungenbändchen durchtrennen – ja, oder nein?

Falls eine Trennung des Zungenbändchens notwendig sein sollte, sollte die Durchtrennung bis zum Ansatz des Bandes erfolgen, um eine größtmögliche Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit der Zunge zu ermöglichen. Dies ermöglicht wiederum eine Verbesserung der Alltagssituation. Das ist mit einem Anritzen des Bandes, wie es manchmal gemacht wird, leider häufig nicht zu erreichen.

Zudem ist die Trennung nur ein Schritt im Prozess der Behandlung. Bereits im Vorfeld sollten mögliche Kompensationen weitestgehend aufgelöst werden, das Stillen sollte optimiert und der ganze Körper mit Verspannungen oder Blockaden betrachtet werden. Im Nachgang sollte bei einer vollständigen Trennung ein aktives Wundmanagement (AWM) mit Dehnung durchgeführt werden, sowie individuell unterschiedlich eine Nachsorge mit weiterer Körperarbeit, Stillberatung und/oder Logopädie.

Es kann auch vorkommen, dass das Zungenbändchen reißt. Das kommt gerade bei sehr dünnen Bändern schon mal bei einem Sturz vor.

Wenn du merkst, dass das Zungenbändchen gerissen ist, ist in der Regel zunächst kein Handlungsbedarf vorhanden. Ein Zungenbändchenriss ersetzt im Übrigen in den allermeisten Fällen nicht eine Trennung, wenn diese wirklich notwendig ist.

Zungenbändchen macht die Zunge eines Babys beweglich

Welche “Übungen” sollte man mit seinem Baby machen?

Wenn über Vor- und Nachsorge in Bezug auf die Zungenbändchentrennung gesprochen wird, kommt häufig die Sprache auf sogenannte „Übungen“, die hier gemacht werden sollten.

Eine fortgebildete Stillberaterin oder Therapeutin kennt hier einen ganzen Pool an verschiedenen Übungen, die angewandt werden können. Doch es lässt sich nicht allgemeingültig sagen, dass immer diese oder jene Übung zur Vorbereitung gemacht werden sollte.

Welche Übungen konkret gemacht werden sollten, ist individuell sehr verschieden. Dies hängt davon ab, welche Einschränkungen wirklich vorhanden sind, welche Bewegungen schwierig sind und welche Schwierigkeiten gerade Priorität haben. Wenn du also den Verdacht auf ein verkürztes Zungenbändchen bei deinem Baby hast, würde ich dir empfehlen, dir eine fortgebildete Fachperson zur Begleitung und Beurteilung zu suchen. Diese findest du beispielsweise auf der Website von DEFAGOR, der Fachgesellschaft zur Behandlung oraler Restriktionen e.V.

Sollte das Zungenbändchen geschnitten oder gelasert werden?

Es gibt verschiedene Techniken bei der Trennung des Zungenbändchens. Jede hat ihre Vor- und ihre Nachteile. In verschiedenen Untersuchungen zu diesem Thema stellte sich heraus, dass die beste Technik der Trennung die ist, mit der sich die Ärztin am sichersten fühlt.

Es bringt nichts jemandem zu sagen, es soll mit Laser getrennt werden, wenn hierbei keine Erfahrung und daher auch keine Sicherheit im Umgang mit der Technik vorhanden ist. Es gibt Ärzte, die das Lippenband mit einer anderen Technik trennen als das Zungenband. Das ist sehr individuell. Wichtig ist, dass wirklich Erfahrung und Fachwissen in diesem Bereich vorhanden sind. Nur so können auch posteriore, also weiter hinten ansetzende, Zungenbändchen erkannt und vollständig getrennt werden.

Gerade mit posterioren Zungenbändchen ist der Weg, den Eltern gehen, oft nicht einfach. Sie werden manchmal nicht ernst genommen mit ihren Anliegen, Fachpersonen erkennen Einschränkungen nicht immer, das Fachwissen fehlt teilweise. Daher ist es auch hier so wichtig, zu jemandem zu gehen, der wirklich kompetent und entsprechend fortgebildet ist in diesem Bereich.

Stillberatung einer jungen Mutter durch Stillberaterin

Kann sich ein kurzes Zungenbändchen auch verwachsen?

Das Zungenbändchen ist nur zu einem sehr kleinen Teil dehnbar. Die Dehnbarkeit liegt bei ungefähr 3%. Bei der Länge beziehungsweise eher der Kürze des Zungenbändchens macht sich dies kaum bemerkbar und ist daher zu vernachlässigen.

Probleme oder Symptome verschwinden zudem in der Regel nicht einfach. Kinder lernen möglicherweise damit umzugehen. Dabei handelt es sich allerdings immer um eine Kompensation und nicht um die optimale Bewegung. Außerdem verschieben sich die Probleme, wenn beispielsweise nicht mehr gestillt oder aus der Flasche getrunken wird. Dadurch treten beispielsweise Auffälligkeiten beim Essen, Sprechen oder Schlafen auf, die häufig nicht mehr auf das Zungenband zurückgeführt werden.

Trotzdem sollte immer der Grundsatz gelten, kein Problem aus etwas zu machen, was keinen Leidensdruck erzeugt. Eine vorsorgliche Trennung ist zwar möglich, es muss jedoch immer individuell entschieden werden, ob und wie sinnvoll diese ist.

Kann eine Trennung des Zungenbändchens Nachteile haben?

Eine Trennung kann durchaus Nachteile haben. Die Nachteile oder auch das Ausbleiben positiver Effekte sind größer, wenn eine Vor- und Nachsorge nicht ausreichend oder individuell angepasst gemacht wird, wenn die Trennung nicht vollständig erfolgte oder wenn der Zeitpunkt für die Trennung ungünstig gewählt wurde.

Manchmal hat in diesem Fall eine Trennung keinen Effekt, bringt keine Entlastung in die Situation oder kann die vorhandenen Schwierigkeiten sogar verschlimmern.

Ein kurzzeitiger Stillstreik nach einer Trennung kommt vor, ist in den allermeisten Fällen allerdings auch schnell wieder vorbei. Im Kontakt mit einer Stillberaterin kannst du hier ein passendes Vorgehen für einen solchen Fall besprechen.

Nicht immer lassen sich alle Probleme mit der Zungenbändchentrennung lösen. Häufig stecken noch mehr einschränkende Faktoren in der Einzelsituation als „nur“ ein verkürztes Zungenbändchen. Dann gilt es, das Beste aus der Situation zu machen, einen individuellen Weg zu finden und andere Fachrichtungen hinzuziehen. 

Im Allgemeinen sollte eurer Familie bei jeder Trennung des Zungenbändchens ein Team aus verschiedenen Fachpersonen wie beispielsweise Stillberaterin, Körpertherapeut, Logopäde, Ärztin und weiteren zur Verfügung stehen. Ganz davon abhängig, welche Unterstützung für euch notwendig ist.

Ist für die Zungenbändchen OP eine Vollnarkose notwendig?

Wenn ich über eine mögliche Trennung des Zungenbändchens spreche, kommen oft sorgenvolle Blicke und die Frage nach der Narkose. Eltern, die sich im Vorfeld bereits informiert haben, erzählen mir nicht selten, dass einige Klinken und Ärztinnen nur in Vollnarkose und nur ab einem bestimmten Alter des Kindes trennen würden.

Doch eine Vollnarkose ist in aller Regel nicht notwendig. Die meisten Ärzte, mit denen ich in Kontakt bin, trennen mit einer örtlichen Betäubung, was viele Vorteile bietet. Hierbei hilft es, das Gespräch mit einer entsprechend fortgebildeten Ärztin zu suchen und alle Fragen und Unsicherheiten zu besprechen. Dabei wird beispielsweise auch das Schmerzmanagement thematisiert.

Mit einer Trennung muss nicht bis zum ersten Geburtstag gewartet werden, wie es manche Krankenhäuser kommunizieren. In der Regel ist eine frühere Trennung, mit entsprechender Vorbereitung sinnvoll, weil Übungen und Dehnung von dem Säugling noch passiv geduldet werden. Zwischen dem ersten und vierten Geburtstag ist eine passive Durchführung häufig schwierig, eine aktive Beteiligung ist jedoch ebenfalls noch nicht möglich.

Fazit

Ich hoffe, ich konnte dir zeigen, dass das Thema der Behandlung vom verkürzten Zungenbändchen und anderen oralen Restriktionen sehr komplex ist und daher individuell betrachtet werden sollte. Es gibt viele Faktoren, die berücksichtigt werden sollten. Eine fachlich gute Begleitung ist für Betroffene sehr wichtig.

Wenn du Fragen zum Thema hast oder unsicher bist, ob dein Baby ein kurzes Zungenbändchen hat, kannst du dich an eine Fachperson aus der Liste der Ansprechpartner von DEFAGOR wenden. Manche Stillberaterinnen bieten auch Online-Beratungen an, wenn niemand bei dir in der Nähe ist.

Falls ich dein Interesse für meine Arbeit in der Familienbegleitung und im Coaching geweckt habe, kannst du mir gerne auf Instagram und Facebook folgen. Weitere Inhalte zu diesem Thema findest du außerdem in meinem Blog.

Hebamme Julia Ronnenberg am Laptop

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